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Laminat, dieser Typ und Nada Surf

15/07/2012, Haan Rheinland, Kreis Mettmann

Es ist 16:40, mein lieber Freund Sascha kommt meine Freundin und mich in unserer neuen Wohnung in Düsseldorf besuchen um mir zu erklären wie ich die Rigipswand zum Schlafzimmer zu ziehen habe. Kurz nach 17h registriere ich die Uhrzeit und lasse all unsere fleißigen Helfer alleine arbeiten um mich auf den Weg nach Hilden in meine alte Wohnung zu machen. Mich beschleicht ein schlechtes Gewissen. Ich habe zwar von einem guten Freund gehört, dass Nada Surf um 18h in Haan spielen sollen, aber dieser Kerl ist Hypochonda und tickt einfach manchmal nicht ganz sauber, vielleicht ist das nur ein irrwitziger Vorwand um mir von seinen neuzeitigen latenten Krankheiten zu berichten. Ich als Musikfreak steige aber optimistisch wie ich bin voll aufs Gas um mir zu Hause zumindest noch ein frisches Shirt anziehen zu können. Unten in unserer kleinen Einbahnstraße (ist keine echte Einbahnstraße, aber das würde hier zu weit führen) kommt der Bus mal wieder nicht durch, weil irgendein Vollhorst auf dem Seitenstreifen parkt, nichtsdestotrotz quetsche ich mich mit meinem Lieferwagen zwischen Bus und Vollhorst und fahre mit gefühlten 120kmh unter Mißachtung sämtlicher geltenden und noch zu erfindenen Verkehrsregeln in Richtung Haan, Neuer Markt. Oben am Schwimmbad (da war zumindest mal eines, gibts das noch?) finde ich einen Parkplatz. In der Hoffnung am nächsten Tag nur ein Knöllchen an der Windschutzscheibe vorzufinden sprinte ich, es ist inzwischen 17.58 Uhr, in Richtung dorthin wo ich vermute, dass da sowas wie eine Bühne stehen könnte…..puhhh, ich sehe Menschen und höre bloß Musik vom Band, 2 Freunde kommen mir entgegen, es scheint gerade der Soundcheck zu laufen. Irgendeine Band wird wohl tatsächlich spielen, ob nun Nada Surf oder wer auch immer ist jetzt auch egal, ich bin da und sehe einen Rothaus!!! Bierstand, das reicht mir.

Nachdem mein Hypochonda Kollege (ich werde dir ewig dankbar sein) und 2 weitere Freunde eintrudelten machten wir uns mit pisswarmem Rothaus auf zur Bühne und tatsächlich, 2 Nada Surf Jungs saßen da und richteten sich ein. Wahrscheinlich hat das warme Bier und seine für mich körperlichen Folgen dafür gesorgt, dass ich diesen wirklich stattfindenen gig noch nicht ernsthaft realisiert habe. Ein weiteres Bier und eine Kippe später kam dieser Typ, keine Ahnung wer er war, aber er versuchte die Band anzusagen, was niemanden auf der Bühne so recht interessierte, da Daniel Lorca, der Bassist noch nicht anwesend war. Ungelogene 10 Minuten quatschte er mit einem Mix aus deutsch und astreinem englisch mit nicht minder astreinem deutschen Akzent auf uns, die Zuhörer, und die Band ein. Nach 2-3 runden Schnaps für 2/3 der Band und ihre Rowdies kam dann auch das verschwunden geglaubte letzte Bandmitglied und Nada Surf begannen zu spielen.

Diese Atmosphäre aus Baumarkteröffnung und Dorffest gab dem Konzert einen äußerst surrealen Rahmen, die Band selbst schien auch sehr amüsiert zu sein, aber eben auch tierisch gut drauf und spielte anfangs hauptsächlich Stücke von der aktuellen Platte (the stars are indifferent to astronomy). Nach dem 4. oder 5. Song haben Dorffestmitarbeiter die vorderen süßen kleinen Boxen dann auch mal richtig angeschloßen was die Band abermals unverkennlich amüsiert hat. Der Atmoshpäre tat das kein Abbruch, ganz im Gegenteil, der gig wurde zunehmend zu einem Mix aus von der Band festgelegten Songs und Stücken die vereinzelte Fans zugerufen haben und die sofort gespielt wurden. Zeigleich mit mir rief ein Mädel aus erster Reihe ‘Blizzard’ und zack wurde ‘Blizzard of ’77′ gespielt, ein Song den ich vorher noch nie live erleben durfte, genauso so wie ‘Popular’, der große Hit aus den Anfängen von Nada Surf, den sie aber inzwischen selten live spielen. Ich war gefesselt von der Band, den Songs, dieser irrwitzigen Konstellation aus Haan, der unüblichen Uhrzeit und der location an sich, ein wahrlich einmaliges Konzert.

Und dann wieder dieser Typ, der Ansager. Nach ‘always love’ ist bekanntlich Ende, so habe ich es zuletzt Anfang des Jahres in der Haldern Pop Bar erleben dürfen, ein übrigens völlig anderes aber ebenso berührendes und intimes Konzert.

Nada Surf haben sich bedankt und gingen von der Bühne, aber nicht ohne von diesem Typ nahezu bedrängt worden zu sein doch noch ein song zu spielen. Nicht wenige haben sich trotzdem bereits verabschiedet, vor allem die “echten” Fans, die man übrigens anhand des Mitsingfaktors an einer Hand abzählen konnte. Dieser Typ hat es aber tatsächlich geschafft die Band mit einem Tablett Killepitsch wieder auf die Bühne zu holen. Die 1. Zugabe! Nach noch einem Schnaps konnte die dann auch starten, wundervoll!

Das restliche Publikum war wirklich groß und laut, bis in die letzte Reihe haben alle geklatscht, dieser Typ hat abermals versucht mit unverständlichem deutschenglisch und Worten wie ‘Vollmilch’ die Band zu einer weiteren Zugabe auf der Bühne zu halten. Vorerst vergeblich, dann kam aber einer der Rowdies mit vollem Schnapstablett auf die Bühne und die Band folgte wie reudige Hunde. Unglaublich, ohne weitere Worte fing der Sänger Matthew Caws an ‘ Popular’ zu singen, welch ein Übersong. Dieser sollte dann schlußendlich doch der letzte Song dieses wahnsinnigen Konzerts sein. Die Band wurde nochmals unter großem Applaus verabschiedet. Aber dann wieder dieser Typ, der Ansager! Es war ein feeling aus fremdschämen und ‘die Eier hätte ich auch gerne’. Er hat es mit sturer Arroganz geschafft die Band schon wieder auf die Bühne zu holen. Und dann lüftete sich das für mich bis dato unerklärliche Geheimnis. Ir Elliot hat wohl Verwandte in Haan oder Umgebung, er hat dann tatsählich seine Mutter in den Staaten übers Handy angerufen und alle an diesem Telefonat teilhaben lassen. Privates meiner Lieblingsbands hat mich noch nie interessiert, aber diese gefühlte 20 Minuten andauernde Szenerie hat irgendwie zu diesem Auftritt in Haan gepasst. Ich habe dieses mir um seine Tragweite bewußtes Wort noch nie für ein Konzert verwendet, aber das hier war: legendär!

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